Alia iacta est?

Dezember 11, 2008 von kuschelpunker

Bitte alles einsteigen!“, tönt es aus den Bahnhofslautsprechern. Die Zugtüren schließen sich und eine Ansammlung von Menschen ist gefangen. Mit einem Ruck setzt sich der Zug in Bewegung. Einige Passagiere sitzen noch nicht und haben so ihre Mühe sich mit ihrem Gepäck in der Balance zu halten, die Passagiere, die bereits ihren Sitzplatz gefunden haben sind mit dem Finden der bequemsten Sitzposition beschäftigt und so hat nur der Zugführer einen Blick für den Sonnenaufgang. Vorsichtig schiebt sich die Sonne über den Rand, der durch die Rundung der Erde entsteht. Immer schneller tauchen Bäume an einer Seite eines Fensters auf und fliegen zum anderen Ende derselben. Ruhig und gelassen nehmen die Fahrgäste diese Begleiterscheinung zur Kenntnis, viele beachten aber auch nichts weiter als ihre Tageszeitung, ein Buch oder ihr Mobiltelefon, dass sie gerade auf eine ankommende Kurzmitteilung aufmerksam macht. Hier und da hört man Stimmen. Menschen lernen sich kennen, flachsen über dies und jenes, über ihre Erfahrungen mit der Bahn, die schönsten Bahnhöfe und Städte. Einer Anekdote folgt die nächste und aus Geschichten resultiert lautes Lachen. Man versteht sich, man unterhält sich und wird sich doch am Ziel wieder vergessen haben. Die Bahnwagen sind unterteilt in kleine Sitzgruppen. Die Wahrscheinlichkeit das sich bei einer solchen Sitzanordnung Menschen mit den selben Erfahrungen, mit den gleichen Erlebnissen zusammen finden ist zwar eher gering, dennoch passiert es hin und wieder. Böse ist man manchmal, weil man Dinge hört, die einen an seinem eigenen Leben stören. Unhöflich möchte man nicht sein, so hört man zu und denkt dabei oft schon an einen Tagesausflug an seinem Reiseziel, oder an Dinge die unbedingt bei Ankunft am heimischen Wohnsitz erledigt werden müssen.

Markus ist einer dieser Passagiere. Behäbig und nachdenklich hat er sich an ein Fenster gesetzt. Es ist nur ein Teilabschnitt seiner Reise, vielleicht nimmt er später noch ein Taxi, oder spart das Geld und fährt mit einem Bus. Voll Unsicherheit ist er seine Reise angetreten, ohne zu wissen wie sie enden kann. Wo er hin will ist klar. 37 Jahre ist er jetzt alt und es ist 18 Jahre her, da er sich vor seiner Verantwortung drückte. Jahre vergingen, ohne das irgendetwas ihn je störte. Erfolgreich ist er geworden, doch je erfolgreicher er wurde, desto einsamer wurde er. All sein Geld konnte nicht wiedergutmachen was vor 18 Jahren in ihm vorging. Markus war jung, er lernte ein tolles Mädchen kennen, verliebte sich und schwängerte sie. Der berühmt berüchtigte Satz von dem Zigaretten holen lieferte Markus den Vorwand aus der gemeinsamen Wohnung zu gehen. Er stahl sich davon, baute sich in einer anderen Stadt in einem anderen Land ein neues Leben, ein erfolgreicheres Leben auf. Sein Mädchen sollte ihn nicht wiederfinden, nicht alles verbauen. Ungezwungen und ohne Reue wollte Markus durch seine erfolgreiche Welt wandeln. Fliegen, von Job zu Job, von Euro zu Euro und nichts und niemand sollte ihm Barrieren bauen, sollte ihn zurückrufen können. Wer seine Brücken nicht niederbrennt, der kommt wieder! So hat es Markus mal gelesen und beeindruckt hat er es sich zu seiner Lebensmaxime gemacht. Hin und wieder bereute er es, hat sich aber immer wieder schnell von diesem Gedanken verabschiedet. Vor wenigen Wochen jedoch hat diese Reaktion nicht funktioniert. Eine Frau mit Kinderwagen, wahrscheinlich ihrem Kind darin, einem Lächeln im Gesicht und voll des Lobes von ihrem Sprössling, hatte sich in der Innenstadt mit einer Freundin lauthals unterhalten. Die Frau sprach so, wie es nur eine Mutter tun kann. Markus dachte unwillkürlich an den Vater. Wie wird er wohl von seinem Zellhaufen sprechen? Wird er auch so des Lobes, so voll Zufriedenheit, ob seines heranwachsenden Zöglings sein? Markus´ Nachdenklichkeit steigerte sich von diesem Tag an stetig und so beschloss er in seine alte Heimatstadt zu fahren, in die eine, in der noch immer, so hofft er noch in diesen Minuten der Bahnfahrt, seine Ex-Freundin mit seinem Kind wohnt.

Junge oder Mädchen, was wird es wohl sein?“

Flüsternd spricht Markus die Scheibe des Zugfensters an, nicht wissend das diese Frage von seinem Gegenüber vernommen werden kann und ein Gespräch somit unausweichlich werden wird.

Sind sie Vater geworden? Glückwunsch!“

Blaue Mädchenaugen sehen Markus an. Ein junges Mädchen, dessen mp3-Player wohl auch die letzte Batterie ausgelutscht haben muss, sitzt Markus gegenüber. Ohrenstöpsel werden beiläufig in einer der Jackentaschen verstaut, aus der auch gleich eine Schachtel Zigaretten hervor geholt wird. Freundlich wird Markus ein Glimmstengel angeboten.

Danke!“

Mit einer ablehnenden Haltung verweigert er die Annahme, hat er doch schon vor einigen Monaten aufgehört zu rauchen.

Übrigens, ich heiße Jennifer, aber meine Freunde nennen mich Jenny.“

Sie reicht Markus ihre Hand, damit die Begrüßung besiegelt werden kann.

Markus.“

Nach der kurzen und knappen Namensnennung gibt es ein Händeschütteln, ein gezwungenes Grinsen und beide lehnen sich wieder in die Sitze, aus denen sie sich zwangsweise erheben mussten.

Also, Junge oder Mädchen?“

Wie meinen?“

Bekommt ihre Frau einen Jungen oder ein Mädchen?“

Markus weiß nicht wie er antworten soll. Nach einer Unterhaltung mit diesem Mädchen steht ihm nun wirklich nicht der Sinn.

Ich habe, glaube ich, ein Mädchen, aber ich weiß nicht wo sie ist.“

Hat er das gerade laut gedacht, wird Jenny es gehört haben?

Warum wissen sie nicht wo sie ist?“

Sie hat es gehört und beginnt sogleich mit der bohrenden Fragerei.

Was ist denn passiert?“

Ich möchte nicht darüber reden, lass es bitte.“

Jenny verstummt. Markus hat das gemacht, was sein ganzes Leben in die Bahnen gelenkt hat, die ihn jetzt hier sitzen lassen. Markus hat konsequent etwas abgebrochen, was ihm nicht behagt. So war es auch mit dem Kind. Markus wusste nicht wohin, wusste nicht wie oder warum alles geschah, da hat er sich aus der bestehenden Lebensgemeinschaft mit seiner Freundin subtrahiert. Seine Arbeitsstellen wechselte er immer dann, wenn die Firmenpolitik oder auch nur einzelne Mitarbeiter nicht hinter ihm standen, oft auch dann wenn etwas hinter seinem Rücken zu laufen schien. Einer der Gründe warum er keine Geburtstagsparty an seinem Ehrentag haben konnte. Überraschungen sind nicht seine Sache, doch jetzt neigt Markus zum Abweichen seiner Strategie. Sein Kind muss er sehen, muss wissen was es ist, wie es ist, was aus ihm geworden ist. Einsam ist Markus durch viele Lebensjahre gewandert und jetzt sitzt ihm ein junges Mädchen gegenüber, die seine Tochter sein könnte. Wo kommt sie her, wo will sie hin? Ein Bewerbungsgespräch, zurück nach hause an den heimischen Herd oder doch nur Freunde in einer fremden Stadt besuche? Markus will nicht fragen, zu grob hat er sie gerade abgefertigt. Er wird nichts von ihr erfahren, die Chance hat er sich verbaut. Warum sollte Jenny ihm noch etwas erzählen? Gerade ist sie dabei ihr Musikabspielgerät wieder aus der Jackentasche zu fummeln, da ertönt eine Durchsage aus den Lautsprechern. Gleich sind sie da. Ob Jenny mit Markus aussteigt? Vielleicht wird sie ja mit ihm ein Stück ihres Weges gehen, vielleicht auch einen anderen Weg nehmen und vielleicht werden sie sich wiedersehen, an einem Ort, der ihr beider Ziel sein könnte.

Jenny steht auf und verabschiedet sich höflich mit den besten Wünschen für die weitere Reise. Markus erwidert es und erhebt sich ebenfalls aus seinem, mehr oder minder bequemen Sitz. Als Markus den ersten Schritt auf dem Bahnsteig macht entweicht ihm ein Seufzer.

Wo müssen sie denn hin?“

Jenny steht dicht hinter ihm. Freundlich bietet sie ihre Hilfe, einem ahnungslos über der Bahnsteig schauenden, Markus an.

Ich weiß es nicht!“

Markus ist etwas gereizt. Die Bahnfahrt hat in seinem Kopf nicht die erhoffte Klarheit geschaffen. Will er hier mit der Suche beginnen, muss er unbedingt zwei Menschen treffen, die wahrscheinlich auch gut ohne ihn auskommen?

Dort vorne ist ein Kiosk, vielleicht kann man ihnen da weiter helfen. Voraussetzung ist natürlich, dass sie wissen wo sie hin möchten. Ich zeige ihnen den Weg.“

Mit unermüdlicher Freundlichkeit begleitet Jenny den immer noch verwirrt ausschauenden Markus zum Kiosk.

So, hier trennen sich unsere Wege. Ich werde jetzt mal den Bus nehmen und zu meiner Mutti fahren. Ich wünsche ihnen viel Erfolg. Wobei auch immer.“

Lächelnd lässt Jenny ihren mürrischen Reisebegleiter vor der Verkaufshalle im Bahnhof stehen. Markus betritt den Kiosk, kauft sich 2 Bier und Zigaretten. Die Nervosität siegt über den Willen eines Nichtrauchers. Hastig und mit flinken Fingern wird die erste Dose Bier geöffnet. Verpackungsfolie segelt zu Boden, der erste Zug kratzt, aber Markus guckt beruhigt und gelassener als zu vor in das Rund der Bahnhofsvorhalle. Schlendernden Schrittes geht Markus aus der Halle auf die Straße. Die paar Wolken am Himmel passen zu seiner Stimmung. Eine endgültige Entscheidung, ob ein Wiedersehen unbedingt sein muss, ob sein Leben nicht auch so funktioniert und ein Gutes ist, kann Markus immer noch nicht treffen. Jenny ist ein sehr freundliches Mädchen gewesen, warum musste er sie so abfertigen? Wo nimmt sie nur ihre unermüdliche offene Art her? Markus trinkt den letzten Schluck aus der Bierdose und schmeißt sie in den Mülleimer, den Wunsch sein Kind zu sehen schmeißt er mit weg. Was hat er sich nur dabei gedacht, wie konnte er nur glauben mit einem mal alles ändern zu können? So wie Jenny soll sollte sein Kind sein! Freundlich, offen, hübsch und sich um die Mutter kümmernd. Ein anderes Kind will Markus nicht haben, ein anderes kann er sich nicht als sein Kind vorstellen. Markus öffnet die zweite Dose, zündet sich noch eine Zigarette an und sieht Richtung Bushaltestelle. Jenny steht immer noch da, als würde sie auf Markus warten. Vielleicht wartet sie auch auf ihren Vater und vielleicht wünschte sie Markus wäre es.